Arbeitstitel „politeia“

Seit ungefähr einem Jahr trage ich die Idee für eine Internet-Plattform mit mir herum, die einen ähnlich praktischen Zugang zu politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation ermöglicht, wie das Bugtracker für Freie Software tun, und zwar in Kombination mit einer Social-Networking-Komponente. Letzteres nicht nur, weil das grade so in ist; vielmehr soll damit ein niederschwelliger Zugang für Menschen geboten werden, die bis dahin wenig Kontakt mit zivilgesellschaftlichen Inhalten und Aktionsformen einerseits oder mit den Entwicklungsprozessen Freier Software andererseits zu tun hatten.

Nachdem ich mein Projekt unter dem Arbeitstitel politeia bereits einigen Freunden vorgestellt habe, poste ich es nun hier, in der Hoffnung, dadurch noch weitere Mitstreiter und Mitstreiterinnen (besonders für die technische Umsetzung) zu gewinnen.

Wie soll politeia funktionieren?

Gemäß meinen zugrundeliegenden Überlegungen soll politeia ein Netzwerk sein, das es Benutzern und Benutzerinnen ermöglicht, an einem gemeinschaftlich gestalteten politischen Diskurs teilzunehmen. Politeia ist der Titel von Platos in Dialog-Form verfasster Abhandlung über den gerechten Staat und daher als Name für mein Vorhaben meinem Empfinden nach gut geeignet.

Grundsätzlich können politeia-Nutzer Einträge in den Kategorien „Prinzipien“, „Probleme“ und (Lösungs-)„Vorschläge“ anlegen. Jeder individuelle Eintrag kann kommentiert und von allen anderen Benutzern positiv oder negativ bewertet werden. Kommentare zu den Einträgen können ebenso bewertet werden. Dadurch ergibt sich ein Ranking von Einträgen und Kommentaren, das deren kollektiv empfundene Relevanz wiedergibt. Weiters kann darüber abgestimmt werden, ob ein „Vorschlag“ als Lösung für ein bestimmtes „Problem“ in Frage kommt, oder ob ein „Problem“ im Widerspruch zu einem bestimmten „Prinzip“ steht.

Wie in sozialen Netzwerken üblich, kann man eine Liste von Freunden und Freundinnen anlegen. Im Falle von politeia kann man bestimmte Einträge und das zugehörige eigene Votum an Freunde und Freundinnen weiterleiten — zusammen mit der Aufforderung, ebenso zu stimmen.

Letzten Endes soll politeia auch die Möglichkeit zur tatsächlichen Umsetzung von durch Benutzer eingebrachten Vorschlägen bieten, einerseits durch Austausch mit Vertretern der zuständigen legislativen Instanzen, andererseits durch Unterstützung von direkt-demokratischen Initiativen (wie zB der Sammlung von Unterstützungserklärungen für ein Volksbegehren). Besonders die Grundlagen- und Kampagnen-Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen soll durch entsprechende Werkzeuge unterstützt werden.

Eine detailliertere, skizzenhaft in Entwicklungsphasen gegliederte Übersicht über die geplanten Features der politeia und ihre jeweiligen Inspirationsquellen findet sich auf dieser Seite; ich werde versuchen, sie laufend zu aktualisieren.

Ist politeia redundant?

Ich hoffe (und glaube) nicht, dass die Kombination aus Features, die ich für die politeia plane, von bereis bestehenden Plattformen abgedeckt wird.

Am meisten ist die politeia inspiriert von Plattformen wie PetitionOnline und der gängigen Praxis, durch Facebook-Gruppengründung und -mitgliedschaft Anliegen zum Ausdruck zu bringen; weiters durch die Kommentar-, Tagging- und vor allem Abstimmungsmöglichkeiten von Stack Overflow und Ubuntu brainstorm.

Natürlich existieren bereits dezidierte Kampagnen-Websites wie Campact.de oder Avaaz.org — diese erlauben aber in aller Regel nicht das simple Einbringen eigener Vorschläge und deren Kommentierung. Fast ein bisschen erschrocken bin ich, als ich gesehen habe, dass sogar die Stadt Wien im Vorfeld der Volksbefragung im Februar eine gewissermaßen artverwandte Website online gestellt hat (jetzt, nach der Abstimmung, leider nicht mehr ganz so umfangreich) — andererseits kann mir das prinzipiell verstärkte Interesse in diesem Sektor sowie die (zumindest auf den ersten Blick) recht gute Diskussionskultur dort auch Anlass zur Hoffnung für meine Idee geben.

Die Vereinigung dieser Teile — mit wesentlich höheren Möglichkeiten zum eigenen Ausdruck, zur Diskussion und zur eigenen Initiative — ist aber hoffentlich mehr als die bloße Aneinanderreihung.

Danke an Kati für ihre Geduld und Mithilfe beim Überarbeiten und Verdeutlichen.

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